Rannenberg Online
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Die Rannenberger Schule

Bereits vor dem Jahre 1700 - so sagen es die Bücher - gab es in Rannenberg eine Schule. Bis dahin besuchten die Kinder die Schule in Segelhorst. Der erste Hinweis auf unsere Schule fand sich im Register der Konfirmanden für das Jahr 1697 in den Kirchenbüchern von Segelhorst. Die "Schulmeistersche" ließ ihren Sohn Johann Alf Severitz konfirmieren. Wie lange und seit wann Schulmeister Severitz in Rannenberg unterrichtete, ließ sich nicht mehr ermitteln.

Die Lehrer Ludwig Beißner (links) und Karl Schulz auf der Tausendjahrfeier

Als die Schule gegründet wurde, mag die Schülerzahl etwa 20 - 25 betragen haben. Einen Anhaltspunkt geben uns die Konfirmandenzahlen. In den 8 Jahren von 1754 - 1762 wurden 26 Rannenberger konfirmiert. Die Rannenberger Schule gehörte zu den kleinsten im Landkreis. Sicherlich hat bei der Gründung eine gewisse Bildungsfreudigkeit mitgesprochen. Als nämlich 1871 nach der Reichsgründung bei der genauen Bestandsaufnahme der Bevölkerung auch die Analphabeten gezählt wurden, ergab sich, dass Rannenberg nur noch 2 % hatte, während der Kreisdurchschnitt 4,7 % betrug. Ein alter Kirchort, wie Kathrinhagen, zählte 8,68 % und eine Stadt mit alter Schultradition, wie Rinteln, immer noch 3,3 % des Lesens und Schreibens Unkundige.

Lehrer Karl Schulz mit seinen Schülern um 1950

Die höchste Schülerzahl hatte die Schule Ende 1951 aufzuweisen. Sie wurde von 72 (!) Kindern besucht, davon waren in der Oberstufe (5. - 8. Schuljahr) 36, in der Mittelstufe (3. u. 4. Schuljahr) 24 und in der Unterstufe (1. und 2. Schuljahr) 12 Kinder. Heute unvorstellbar, dass der Unterricht von 1 Lehrer in 1 Klassenraum stattfand. 19 Kinder waren Einheimische und 53 Flüchtlinge. 37 gehörten der evangelischen und 35 der katholischen Kirche an. 41 kamen aus Rannenberg und 31 aus Bodenengern.

Es ist mit Bestimmtheit zu sagen, dass insgesamt 3 Schulhäuser bestanden haben. Nach der Dorfkarte von 1774 lag die Schule auf dem Grundstück "In der Reete 1" (Andreas Klie). Ein noch älteres Schulhaus war wahrscheinlich der gegenüber gelegene, Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissene "Tempel", möglicherweise die ehemalige Kapelle (im Bereich der heutigen Brinkstraße). Im Jahre 1819 ist ein neues Haus auf die Stelle des alten gebaut worden, das im Jahre 1891 von Tagelöhner Christian Bleidißel für 2.100 Mark gekauft wurde. Das letzte Schulhaus (heute Dorfgemeinschaftshaus) wurde 1891 bezogen. Im Jahre 1909 erhielt es Anschluss an die neu geschaffene Wasserleitung. 1910 wurde der Garten eingezäunt und der Westgiebel mit Blech beschlagen. In den Osterferien 1951 erweiterte man den Klassenraum. Die dahinter liegende Küche wurde zum Klassenraum genommen. In den Sommerferien 1953 erhielt der Klassenraum einen neuen Fußboden und gleichzeitig ein Waschbecken mit Anschluss an die Wasserleitung. In den Osterferien 1954 wurde am Schulhaus eine grundlegende Änderung vorgenommen. Die Nordseite erhielt einen Vorbau (heutiger Eingang und Toiletten DGH) mit einer Tür zum Klassenraum und mustergültiger Kleiderablage. Die Schulkinder mussten vorher durch den Flur der Dienstwohnung gehen, um in die Klasse zu gelangen. Nunmehr hatte die Dienstwohnung einen abgeschlossenen Korridor. Am 19.11.1955 wurde neues Schulgestühl angeliefert. Zweiertische und Drehstühle ersetzten die alten Bänke. Beschafft werden konnten die Möbel aus dem Überschuss der Tausendjahrfeier (1.484,75 DM). Ende 1956 erfuhr die Dienstwohnung eine kolossale Bereicherung: die ehemalige Speisekammer wurde Badezimmer und erhielt ein Spülklosett. Der Weg zur Klosettanlage bei jedem Wetter über den Hof wurde damit hinfällig. 

Lehrer Ludwig Beißner mit Schülern 1954

Genaue Aufzeichnungen über das Schulgeschehen liegen seit dem Jahre 1900 vor. Sie wurden in der Schulchronik niedergeschrieben, die von Lehrer Heinrich Steinberger begonnen und von seinen Nachfolgern, den Lehrern Karl Schulz und Ludwig Beißner, fortgeführt wurde.

Lehrer Steinberger unterrichtete bis zum 28.2.1906. Er schreibt zum Abschied: "So ist denn meine Abschiedsstunde gekommen, schwer .... 6 1/2 Jahre durfte ich hier wirken. Was ändert sich in einer kleinen, ringsum abgeschlossenen Gemeinde in 6 1/2 Jahren? Ein Dutzend Sargdeckel wurden zugeklappt, der Taufsteindeckel einige Male aufgemacht, ein paar Rekruten jauchzen in die Welt hinaus. Da und dort wird ein neues Haus gebaut. Alles übrige holpert in gewohnter Weise fort, wie in der Vergangenheit, wie in der Zukunft, wie immerdar. Und doch sind mir diese 6 1/2 Jahre viel gewesen. Mit tausend Hoffnungen kam ich hier an; die Erfüllung war anders. Nach äußerer Ehre geizt der Jüngling und weiß die Dankbarkeit und Anhänglichkeit der Kinder und Eltern nicht zu schätzen. Der Herr segne ferner die Arbeit in diesem Schulhaus. So leb wohl, mein liebes Rannenberg."

Der neue Lehrer, Karl Schulz, der 44 1/2 Jahre lang hier wirken sollte, berichtet: "Mir wurde die Schulstelle am 1. April 1906 übertragen. Ich bin geboren als einziger Sohn des Lehrers P. Schulz in Motzenrode, Kreis Eschwege. Ich besuchte das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Eschwege bis Obertertia, dann von 1899 bis 1902 die Präparandenschule und von 1902 - 1905 das Seminar zu Homburg, Bez. Cassel. Vom 1.4.1905 - 1.4.1906 diente ich als Einjährig-Freiwilliger bei Füsilier-Regiment Nr. 73 in Hannover. Ich wurde als Unteroffizier der Reserve entlassen. Auf meinem Wunsch wird mir die hiesige Schulstelle übertragen."

Schüler um 1956

Im Jahr 1950 kommt die Abschiedsstunde für Lehrer Schulz. Er schreibt: "Wegen der katastrophalen Wohnungsverhältnisse hier am Ort musste ich auf einen Ausweg bedacht sein. Ich lasse mir von Maurermeister Wehrhahn in Hess. Oldendorf, Wiesenstr. 6, ein Einfamilienhaus schlüsselfertig erbauen. Meine Mitbürger verstehen diesen Schritt und haben mir tatkräftig geholfen. Sämtliche Bauern haben ohne jede Bezahlung ca. 100 Fuder Erde (Zuckerrübenschlamm) zur Auffüllung des Gartengrundstücks angefahren. Solchen Gemeinschaftssinn findet man nicht überall. Die Schuljungen wollten auch nicht zurückstehen. Sie haben mir bereits zwei ihrer freien Nachmittage geopfert. Einmal haben wir gemeinsam die Ziegel auf das Dach geschafft und am 7. September den gesamten Holzvorrat (3 Fuder) auf den Hausboden des Neubaus gebracht. Das gemeinsame Vesperbrot hat uns vorzüglich gemundet und war ein Erlebnis. Das Haus soll am 15.9. bezugsfertig sein." Lehrer Schulz wird am 18.9.1950 in einer kleinen Feierstunde verabschiedet. 

Mit sehr persönlichen Worten nimmt Lehrer Schulz Abschied in der Schulchronik von den Rannenbergern. Er bedankt sich anschließend in einem emotionalen Brief bei Lehrer und Kindern.

 Sein Nachfolger wird Lehrer Ludwig Beißner, der bis dahin in Segelhorst unterrichtet hat. Auch Lehrer Beißner stellt sich vor: "Ich bin geboren am 23. Dezember 1901 als Sohn des Landwirts August Beißner in Westendorf Nr. 1, Kreis Grafschaft Schaumburg. Ich besuchte die Volksschule in Westendorf und dann von 1916 bis 1919 die Präparandenanstelt und von 1919 bis 1922 das Lehrerseminar zu Rinteln. Am 12. Oktober 1950 hielt ich meinen ersten Unterreicht in der hiesigen Schule. Das Erbe, das ich angetreten habe, ist wahrlich nicht leicht. Zu eng war Herr Schulz mit Kindern und Eltern, ja mit der ganzen Gemeinde, verwachsen. Sein Geist ist an allen Ecken und Enden zu spüren, waren es doch 44 1/2 Jahre, die er hier wirken durfte. Aber das ist gut so, denn es war ein guter Geist. Ich werde mich bemühen, in diesem Geiste weiter zu arbeiten, und ich glaube, dass es mir dann bald gelingen wird, das Vertrauen der Kinder, Eltern und Gemeinde zu erwerben. Nach meinen bisherigen Feststellungen im Unterricht hat Herr Schulz bis zum letzten Tage mit pädagogischem Geschick und außerordentlichem Fleiß gearbeitet. Die Klasse ist in Ordnung. Dass Herr Schulz auch jetzt noch an seine Rannenberger Schule und Kinder denkt, beweist ein Brief, den er zu Schulbeginn an uns richtete".

n der Geschichte der Schule Rannenbergs tritt 1962 eine umwälzende Änderung ein. Das Problem der Dörfergemeinschaftsschule wird auch hier verwirklicht. Rannenberg bildet mit Rehren A.O. - wenn zunächst auch noch recht locker - eine Schulgemeinschaft. Die Schuljahre 1 - 3 und 7 - 9 werden in Rehren A.O., die Schuljahre 4 - 6 dagegen in Rannenberg unterrichtet. Ein Bus fährt die Kinder nach Rehren A.O. bzw. nach Rannenberg. Die Schule wird nun von 28 Kindern besucht, davon kommen 6 aus Rannenberg bzw. Bodenengern und 22 aus Rehren A.O. bzw. Westerwald.

Zu Beginn des Schuljahres 1966/67 schreibt Lehrer Beißner: "Mein letztes Dienstjahr bricht an, denn am 23.12.1966 werde ich 65 Jahre alt. Der Gedanke an die Pensionierung stimmt doch etwas wehmütig. Durch die Verlegung des Schuljahresbeginns auf den 1. August wird diese wahrscheinlich erst zum 1.8.1967 ausgesprochen."

Der Eintritt in den Ruhestand erfolgt dann auch zu diesem Termin. Es zeichnet sich ab, dass die Rannenberger Schule wohl bald aufhören wird zu existieren. Der Raum wird allerdings noch einige Zeit gebraucht.